Miteinander reden

Die Drama-Serie „Marriage“ bei Magenta TV

Jana Papenbroock

Jana Papenbroock studierte Film an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Neben ihrer freien Prüftätigkeit für die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) arbeitet sie als Dokumentarfilmemacherin.

Programm Marriage
 Drama, GB 2022
SenderMagenta TV, seit 22.09.2022

Online seit 21.09.2022: https://mediendiskurs.online/beitrag/miteinander-reden-beitrag-1124/

 

 

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun hätte seine Freude an Marriage, einer britischen Serie über die kuriose Kommunikation eines seit 30 Jahren verheirateten Ehepaars. Mit seinem Kommunikationsquadrat könnte er sich sicherlich therapeutisch ertragreich an den „inkongruenten“ Äußerungen Ians und Emmas abarbeiten, deren Dialoge teilweise an die New-Hollywood-Filme der späten 1960er- und frühen 1970er‑erinnern, jedoch ohne deren dramatische Intensität.

Marriage ist langsam und alltagsnah erzählt mit etlichen stilistischen Eigenheiten. Beispielsweise wird banalen Gesten wie dem Wegwerfen von Müll deutlicher filmischer Raum und Bedeutung beigemessen. In fast jeder Folge hebt irgendjemand Müll auf, zum Beispiel eine alte Dose von der Straße, einen leeren Pappbecher vom Arbeitsplatz oder Altpapier vom Boden, und entsorgt ihn, sodass ganz nebenbei ein Nachdenken über Wegwerfkultur und das Müllproblem eintritt.

Auch auf der auditiven Ebene konfrontiert die Serie ihre Rezipient:innen mit vermeintlichen Störgeräuschen. In den Außenaufnahmen sind Flugzeuge zu hören, aber nicht zu sehen, in den Innenaufnahmen wurde das Brummen von Elektrogeräten wie Kühlschränken nicht gefiltert, sondern belassen. Auch hier wird die Nebenwirkung oder der „Kollateralschaden“ der Kultur nicht bereinigt, sodass kein Ort ursprünglich und ungestört wirkt. Die Räume, die Ian und Emma durchkreuzen, sind immer auch störend und irritierend, selbst ihr Eigenheim, das in einer Szene von Ameisen befallen wird, die Ian sogleich mit kochendem Wasser aus einem Plastikwasserkocher aus den Fugen seiner Terrasse zu vertreiben versucht.
 

Trailer Marriage (BBC, 19.07.2022)



Die Serie geht einerseits einem akribischen Realismus nach, stellt andererseits durch die Magnifizierung der üblicherweise als nebensächlich oder störend markierten Geräusche und Handlungen aber gleichermaßen eine übersteigerte Künstlichkeit her, sodass die Struktur der Kernfamilie im Wahnsinn des Alltags aus überfordernden Supermarktaufenthalten, unerträglicher Verwandtschaft und entfremdender Lohnarbeit wie ein Versuchsaufbau erscheint. Werden sie es nach 30 Jahren Hamsterrad schaffen und wenn ja wie? Und obwohl die Probleme nie ausgesprochen werden, sondern lediglich aus sich heraus sichtbar sind, in dem die Figuren in Ersatzhandlungen agieren, schaffen sie es irgendwie und halten sich selbst und alles andere aus. Vielleicht, weil sie gelernt haben, erfolgreich ihre Erwartungen zu reduzieren.

Die Inszenierung und das Schauspiel konzentrieren sich auf die körperliche Diskrepanz zwischen Ausgesprochenem und Unausgesprochenem durch Blicke, Haltungen, Gesten sowie die erstaunliche Kompetenz von Menschen in Langzeitbeziehungen, sich dennoch zu verstehen und zu akzeptieren.

„Ich musste den Ketchup bezahlen. 30 Cent für jedes einzelne Tütchen“, ist der erste Satz, den Emma in der ersten Folge spricht.
„Gab’s keine Kartoffel?“, fragt Ian.
„Es gab nur Pommes“, antwortet Emma.
Darauf Ian: „Was hat er gesagt, als du ihn gefragt hast?“
Emma: „Er war 12 und konnte kein Englisch.“

Das Gespräch über die Kartoffel, die Ian womöglich entgangen ist, weil Emma nicht explizit danach gefragt hat, zieht sich noch durch die Szene in der Warteschlange am Flughafen bis ins Flugzeug hinein und nicht nur Emma fragt sich, was Ian ihr eigentlich sagen will. Wurde Ian der Kartoffel beraubt? Stück für Stück erfahren wir, dass Ian seine Arbeit verloren hat, seine Mutter, die er über die letzten Jahre gepflegt hatte, vor kurzem gestorben ist und er in einer Sinnkrise steckt.
 

„Kartoffelszene“ in Marriage (BBC, 14.08.2022)



Ohne je direkt über die eigentlichen Probleme zu sprechen, studiert die Serie Ians und Emmas Proxy-Kommunikation. Ian sucht beispielsweise in einer Folge ein „revitalisierendes“ Duschgel. Das Adjektiv „revitalisierend“ erwähnt er gegenüber Emma und dem Supermarktangestellten. Dabei wirkt es keinesfalls so, als sei die ausweichende Kommunikation nur dysfunktional. Im Gegenteil: Als Jessica, die erwachsene und ausgesprochen ausgeglichen wirkende Adoptivtochter der beiden, Emma auf ihre in der Vergangenheit erlittene Fehlgeburt anspricht – die Emma noch immer zu belasten scheint und über die sie nicht spricht –, bricht eine Trauer aus Emma heraus, die Jessica überrumpelt. Verdrängung scheint Ian und Emma gleichermaßen ihre Stabilität und Fähigkeit weiterzumachen zu ermöglichen.

Im Verlauf der Serie offenbaren sich die Charaktere jedoch auch. Ian versucht in der letzten Folge, Jessica unbeholfen durch einen alten Brief, den er ihr zu ihrer Adoption geschrieben hatte und nun mitgeben will, seine Liebe zu bekunden. Er bedankt sich auch bei Emma, dass sie in dieser schwierigen Zeit zu ihm gehalten hat. Emma antwortet leicht kryptisch: „Ich hab’ überall auf der Welt versucht, was zu finden. Aber es gibt nur dich.“ Ian (irritiert): „Das ist was Gutes, oder?“ Darauf kurzes Schweigen und schließlich Emma: „Ja, natürlich.“ Auch wenn die Figuren oft verloren, neben sich stehend oder sich selbst verpassend wirken, so gelingt es ihnen auf eigentümliche Weise, von der Ambivalenz zur Ambiguität zu kommen und das Widersprüchliche ineinander zu integrieren. Womöglich ist das ihr Schlüssel zu einer langen Beziehung: Es ist nicht immer schön, aber es geht trotzdem weiter.
 


Freigegeben ab …
 

Die dialoglastige und im Ton nüchtern und ruhig erzählte Serie handelt vom erwachsenen Ehepaar Emma und Ian und ihren unterschiedlichen beruflichen und privaten Konflikten. Die nicht kindaffine Erzählperspektive, die durch einen langsamen Schnittrhythmus verstärkt wird, wirkt zusätzlich distanzierend. Gelegentliche linguistische Entgleisungen, wie vulgäre Sprache, sind ausschließlich erwachsenen, in der Regel als antipathisch gezeichneten Figuren zugeordnet, die für jüngere Kinder nicht anschlussfähig sind. Die einzige kindaffine Identifikationsfigur, die Adoptivtochter Jessica, verhält sich im Gegensatz vorbildlich und kommuniziert zugewandt und empathisch.

Inhaltlich wirkt auch die Thematik um interpersonelle, kommunikative Erwachsenenkonflikte wenig bis gar nicht anschlussfähig für Kinder. Die Grundatmosphäre ist von teils skurril inszenierten banalen Alltagshandlungen wie der Entsorgung von Müll oder dem Duschgelkauf und der psychischen Diskrepanz zwischen Ausgesprochenem und Unausgesprochenen geprägt. In einer Folge trinkt Emma mit ihrem Chef Jamie bei einer Konferenz Wein, der Alkoholkonsum wirkt weder vorbildlich, noch wird er als Mittel zu einem Zweck eingesetzt, sondern nur beiläufig und kurz gezeigt.

Im Ergebnis wurde für alle Folgen der 1. Staffel über den Antrag auf eine Freigabe ab 12 Jahren für das Hauptabendprogramm hinaus eine weitergehende Freigabe für das Tagesprogramm ab 12 Jahren erteilt, da auch im Hinblick auf das Wohl Jüngerer Kinder im Tagesprogramm nach einhelliger Ansicht des Prüfausschusses keine Entwicklungsbeeinträchtigung zu befürchten ist. Kinder werden durch die erwachsene Darstellungsweise und der beschriebenen distanzierenden Momente weder nachhaltig geängstigt noch sozialethisch desorientiert, auch eine gewaltfördernde Wirkung konnte ausgeschlossen werden.
 

Bitte beachten Sie:
Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

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Sendezeiten und Altersfreigaben

Hinweis:
Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauer:innen mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1§ 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

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Jugendschutz bei Streamingdiensten